Interview mit Corinne Cahen im Tageblatt

"Fall für Fall betrachten"

Interview: Tageblatt (Annette Welsch)

Tageblatt: Corinne Cahen, wie wurden die Aufgaben und Kompetenzen zwischen dem Gesundheitsministerium und dem Familienministerium aufgeteilt?

Corinne Cahen: Am 19. März wurde eine interministerielle Arbeitsgruppe des Gesundheits- und des Familienministeriums und der Copas (der Dachverband der Pflegedienstleister, A.d.R.) eingerichtet. Ich habevon Anfang an darauf bestanden, dass die Copas zu jeder Sitzung geladen war. Das Gesundheitsministerium hatte aber die Leitung, denn wir sind in einer sanitären Krise und es geht um die öffentliche Gesundheit. Die Gesundheitsdirektion schickte mittlerweile sieben Empfehlungen für die Infektionsprävention an die Pflegedienstleister heraus. Die Regierung hat ja für das Schutzmaterial gesorgt und die nationale Reserve des Personals aufgestellt, ich habe darauf gepocht, dass auch wir daraus schöpfen können. Es wurde uns auch anderes Material zur Verfügung gestellt. Ich denke daan verschiedene Medikamente, die bislang in den Alten- und Pflegeheimen nicht zugänglich waren– zum Beispiel für die Palliativpflege oder Sauerstoffmasken und Schnelltests, die eingesetzt werden können, wenn jemand symptomatisch ist – auch jemand vomPersonal.

Tageblatt: Vom Pflegepersonal kam aber die Kritik, es gebe nicht genug Material, wie Handschuhe, Schutzanzüge oder Masken.

Corinne Cahen: Wenn ich bei den Häusern nachfrage, wird mir gesagt, dass vom Material her kein Problem besteht, dass sie im Moment gut aufgestellt sind. Sie haben aber auch parallel geschaut, Material zu finden.

Tageblatt: Die Hygiene ist ja bei einer Pandemie das A und 0. Gab es für Hygienefragen eine Fachperson, die das Ministerium oder die Häuser beraten hat?

Corinne Cahen: Es gab vom Gesundheitsministerium aus ein Hygieneteam, das schaute, was in den einzelnen Häusern verbessert werden kann und dort einen Kurs über Hygiene abhielt. Die Träger haben es immer wieder angefragt und darum gebeten, dass das Team noch einmal vorbeikommt.

Tageblatt: Was hat das Familienministerium konkret dazu beigetragen, den Alten- und Pflegeheimen den Umgang mit der Pandemie zu erleichtern, sie zu begleiten, zu beraten und zu unterstützen?

Corinne Cahen: Für die Arbeitnehmer, die Angehörige mit Parkinson, Demenz, Alzheimer oder Handicap zu Hause versorgen, haben wir den Urlaub zur Unterstützung der Familie eingeführt, wenn die Tagesstrukturen geschlossen oder nur noch begrenzt verfügbar sind.

Dann waren wir permanenter Ansprechpartner für die Direktionsbeauftragten, wenn es Fragen, Sorgen, Probleme gab. Ich bin sicher, dass ich in den vergangenen Monaten nicht einen nicht am Telefon hatte, ganz viele hatte ich oft am Telefon. Auch das Seniorentelefon wird viel genutzt und ich werde viel von Angehörigen direkt angeschriebenund reagiere dann immer, um mit dem Träger eine Lösung zu finden. Zum Beispiel hat mir eine Frau geschrieben, sie bräuchte unbedingt für ihren Mann im Altersheim eine Batterie für die Armbanduhr und könne sie nicht kaufen, weil es ein nicht lebenswichtiges Gut ist – da helfe ich dann auch aus und die Frau hatte kurz darauf ihre Uhr. Es ist also ganz zielorientiert, was wir machen – sowohl für das Personal, das im Sektor arbeitet, als auch für die, die einen Liebsten haben, der in einem Heim wohnt.

Tageblatt: Wie viel zusätzliche Mittel wurden den Häusern zur Verfügung gestellt, um den Mehraufwand an Arbeit, Material und Personal decken zu können?

Corinne Cahen: Wir haben ein Budget von 4 Millionen Euro zur Verfügung gestellt, um den Ausfall zu kompensieren, wenn Zimmer pandemiebedingt nicht neu belegt werden konnten. Das Material und das Personal aus der sanitären Reserve bekommen die Häuser einfach so, sie müssen dafür keinen hohen Preis bezahlen. Ihr Problem war und ist eher organisatorisch, wenn beim Personal viele Leute krank oder in Quarantäne sind.

Diese Herausforderung wird weiter bestehen, wie bei jedem Betrieb und Krankenhaus.

Tageblatt: Waren Sie auch involviert beim Stufenplan, den die Copas ausgearbeitet hat?

Corinne Cahen: Wenn die Copas eine Idee hat, ruft sie mich relativ schnell an. Ende Oktober hat sie gesagt, ein Stufenplan für die Besuche wäre vielleicht eine gute Idee. Wir haben dann zusammen etwas ausgearbeitet, hatten erst drei und dann vier Stufen. Ich habe nie etwas herausgeschickt, was die Copas nicht auch nützlich fand. Wir schickten auch auf ihren Antrag hin Briefe an die Angehörigen, um sie an die Regeln und Verbote zu erinnern.

Denn immer wieder wurde dann doch im Zimmer die Maske ausgezogen und sich wie im Leben draußen nicht an die Regeln gehalten, sodass in verschiedene Häuser das Virus hereingetragen wurde.

Tageblatt: Hat die Copas auch die Maßnahmen in den einzelnen Häusern koordiniert, damit die gleichen Bedingungen und Chancen zum Schutz vor COVID-19 herrschen?

Corinne Cahen: Die Koordination lag bei der interministeriellen Arbeitsgruppe, sie gab die Empfehlungen heraus und schaute, welche Bedürfnissedie Häuser haben. Aber es ist schwer zu koordinieren, wenn jedes Haus anders ist – architektonisch und von den Bewohnern her. Das geht von ganz rüstigen bis zu ausschließlich Alzheimer-Patienten, so dass man die Betreuung entsprechend anpassen muss.

Tageblatt: Das ist Ihr Argument, um keine einheitlichen Regeln einzuführen - was aber kritisiert wird.

Corinne Cahen: Demenzkranke verstehen die "gestes barrière" nicht, man kann aber nicht pauschal rüstige Personen einsperren, weil irgendwo im Land andere sind, die die Regeln nicht verstehen. Ich gebe Ihnen Beispiele. Es gibt Altenheime, wo man sich eine Wohnung kaufen kann und Eigentümer wird. Diese Personen kann man, wenn sie positiv sind, nicht einfach aus ihrer Wohnung herausnehmen und in einen Gemeinschaftsraum verlegen. Eine solche COVID-Station klappt auf einer Demenzstation, wo man alle gruppieren kann, die ohnehin schon den ganzen Tag miteinander verbringen. Es gibt Häuser, die mit einem oder zwei Dutzend Positiven gut zurechtkommen, weil sie alle in einem Flügel wohnen, der dann nur abgeriegelt werden muss. Dann können die anderen frei leben. Wir sind also jeden Tag im Kontakt mit den Häusern und es wird Fall für Fall betrachtet, um die Freiheit der Menschen so gut wie möglich zu garantieren. Das Gleichgewicht zu wahren zwischen menschlicher Freiheit und dem Schutz vordem Virus – das ist für die Leute vor Ort ganz schwierig.

Tageblatt: Werden noch Personen eingesperrt?

Corinne Cahen: Wir haben von der ersten auf die zweite Welle gelernt, die Leute nicht mehr einzusperren, die Träger tun alles dafür, sie schließen beispielsweise das ganze Haus, wenn es positive Fälle gibt.

Dann kann man die Infizierten pflegen, aber jeder behält im Haus seine Freiheit.

Tageblatt: Was möchten Sie tun, damit weniger Bewohner sich infizieren und sterben?

Corinne Cahen: In den Häusern leben Gemeinschaften, wo es nicht nur um den eigenen Schutz geht, sondernauch um den der Mitbewohner.

Ich meine, wir müssen noch mehr dafür sensibilisieren, sich an die "gestes barrière" zu halten, Distanz zu wahren, auch im Zimmer die Maske anzubehalten und auch wenn man bei seinen Angehörigen zu Hause ist, Maske zutragen. Daran muss man immer wieder erinnern: Man muss die Regeln einhalten, nicht nur für sich, sondern auch die anderen.

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